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RAG erklärt: Deine KI hat das Handbuch nie gelesen

Ein KI-Assistent mit RAG sieht nur ein paar Schnipsel deiner Dokumente; passt das Material ins Kontextfenster, gibst du es oft besser ganz hinein.

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Deine KI hat das Handbuch nie gelesen. Nur ein paar Schnipsel daraus.

Viele KI-Assistenten für eigene Dokumente arbeiten mit RAG, Retrieval Augmented Generation. Klingt kompliziert, der Ablauf ist einfach.

Vorbereitung: Alle Dokumente werden in kleine Schnipsel zerlegt. Jeder Schnipsel bekommt einen Zahlencode für seine Bedeutung und landet in einer Datenbank.

Jetzt stellst du eine Frage. Erstens: Auch deine Frage wird in so einen Zahlencode übersetzt. Zweitens: Die Datenbank sucht die Schnipsel mit dem ähnlichsten Code. Meist nur eine Handvoll. Drittens: Erst jetzt kommt das Sprachmodell ins Spiel. Es bekommt deine Frage und diese paar Schnipsel und formuliert daraus die Antwort.

Das heisst: Das LLM sieht nie das ganze Handbuch. Nur das, was die Suche vorher ausgewählt hat. Fehlt der entscheidende Schnipsel, fehlt dem Modell die Grundlage. Dann rät es oder sagt, dass es nichts findet. Und Zusammenhänge über mehrere Kapitel gehen leicht verloren.

Die Alternative: Aktuelle Modelle wie Claude fassen eine Million Tokens. Das sind rund 2500 Seiten. Du gibst alles direkt hinein, und das Modell hat wirklich alles vor sich. Studien zeigen: Das ist oft besser.

Aber es skaliert nur bis zur Grenze des Fensters. Jede Frage kostet mehr und dauert länger. Und je voller das Fenster, desto eher übersieht das Modell Details. RAG dagegen ist günstig, schnell und kann zeigen, woher eine Antwort stammt.

Faustregel: Passt es ins Fenster, gib es ganz hinein. Ist es eine ganze Bibliothek, braucht es RAG. Oder einen Agenten, der selbst gezielt sucht.

Viele KI-Assistenten für eigene Dokumente haben das Handbuch nie gelesen. Sie sehen nur ein paar Schnipsel daraus, ausgewählt von einer Suche. Das Verfahren heisst RAG. Wer es versteht, kann einschätzen, wann solche Assistenten verlässlich antworten und wann nicht.

So funktioniert RAG

RAG steht für Retrieval Augmented Generation, also eine Textgenerierung, die durch eine Suche ergänzt wird. Beschrieben haben das Verfahren Patrick Lewis und Kollegen 2020.

Zuerst kommt eine Vorbereitung. Alle Dokumente werden in kleine Schnipsel zerlegt. Jeder Schnipsel bekommt einen Zahlencode für seine Bedeutung und landet in einer Datenbank. Bei jeder Frage folgen dann drei Schritte:

  1. Frage übersetzen: Auch deine Frage wird in so einen Zahlencode übersetzt.
  2. Suchen: Die Datenbank sucht die Schnipsel mit dem ähnlichsten Code, meist nur eine Handvoll.
  3. Antworten: Erst jetzt kommt das Sprachmodell ins Spiel. Es bekommt deine Frage und diese paar Schnipsel und formuliert daraus die Antwort.

Ablaufschema. Links «Vorbereitung»: Dokumente → Schnipsel → Datenbank. Rechts «Ablauf einer Frage»: 1. Frage wird zum Zahlencode (0.12 0.87 0.33 …), 2. Datenbank sucht die ähnlichsten Schnipsel, 3. Erst jetzt: das Sprachmodell (LLM), markiert mit «Antwort».

Das Video vereinfacht an einigen Stellen. In der Fachsprache heissen die Schnipsel Chunks, der Zahlencode Embedding und die Datenbank Vektordatenbank. Auch das Embedding entsteht mit einem neuronalen Modell, einem sogenannten Embedding-Modell; das ist aber kein Sprachmodell, das Antworten formuliert. Manche Systeme setzen zusätzlich ein Sprachmodell ein, etwa um die Frage umzuformulieren oder die gefundenen Schnipsel nachzusortieren. Wie viele Schnipsel das Modell bekommt, hängt vom System ab.

Das Modell sieht nur, was die Suche findet

Das Sprachmodell sieht nie das ganze Handbuch, nur das, was die Suche vorher ausgewählt hat. Fehlt der passende Schnipsel, fehlt dem Modell die Grundlage. Dann rät es, oder es meldet, dass es nichts findet. Zusammenhänge über mehrere Kapitel gehen leicht verloren, weil jeder Schnipsel für sich steht.

Anthropic beschreibt das Problem 2024 so: Herkömmliche RAG-Systeme entfernen beim Zerlegen den Kontext, und deshalb finden sie die relevante Information oft nicht. Ein Satz über ein Umsatzwachstum sagt allein nicht, welche Firma und welches Quartal gemeint ist. Mit zusätzlichem Kontext pro Schnipsel liessen sich solche Fehlgriffe in Anthropics Tests deutlich verringern, aber nicht ganz vermeiden.

Die Alternative: alles ins Kontextfenster

Das Kontextfenster ist alles, was ein Modell beim Antworten berücksichtigen kann, eine Art Arbeitsgedächtnis. Aktuelle Claude-Modelle fassen laut Anthropic eine Million Tokens. Tokens sind die Stücke, in die ein Sprachmodell Text zerlegt: Wörter, Wortteile oder Satzzeichen.

Wie viele Seiten das sind, hängt vom Text ab. Anthropic setzt 200’000 Tokens mit etwa 500 Seiten gleich; hochgerechnet ergibt eine Million Tokens rund 2500 Seiten. Deutsche Texte brauchen etwas mehr Tokens pro Wort, darum ist das ein Richtwert.

Gibst du alles direkt hinein, hat das Modell wirklich alles vor sich. Studien zeigen, dass das oft besser ist. Zhuowan Li und Kollegen haben 2024 beide Ansätze auf mehreren öffentlichen Datensätzen verglichen: Mit genügend Ressourcen schnitten Modelle mit langem Kontext im Durchschnitt besser ab als RAG. Auch Anthropic empfiehlt, eine Wissensbasis unter 200’000 Tokens einfach ganz in die Anfrage zu geben.

Das grosse Fenster hat Grenzen

  • Es skaliert nur bis zur Grenze des Fensters. Eine ganze Bibliothek passt nicht hinein.
  • Jede Frage kostet mehr und dauert länger. Abgerechnet wird pro Eingabe-Token, und das ganze Material geht bei jeder Frage mit. Zwischenspeichern (Prompt Caching) senkt die Kosten, aber nicht auf das Niveau von RAG.
  • Je voller das Fenster, desto eher übersieht das Modell Details. Nelson Liu und Kollegen zeigten 2023, dass Modelle Informationen in der Mitte eines langen Textes schlechter nutzen als am Anfang oder am Ende («Lost in the Middle»). Chroma testete 2025 achtzehn Modelle und fand, dass die Leistung mit wachsender Eingabe nachlässt, auch bei einfachen Aufgaben. Anthropic nennt das Phänomen in der eigenen Dokumentation «context rot».

Vergleich zweier Karten. Links «RAG» mit drei Schnipseln: «+ günstig, + schnell, + zeigt Quellen». Rechts «Alles ins Fenster» mit einem bis zur Grenze gefüllten roten Balken: «– Skaliert nur bis zur Grenze, – Jede Frage teurer und langsamer, – Volles Fenster: Details gehen unter».

RAG hat dagegen echte Vorteile. Es ist günstig und schnell. Und weil bekannt ist, welche Schnipsel verwendet wurden, kann es zeigen, woher eine Antwort stammt. Schon Lewis und Kollegen nannten die fehlende Herkunftsangabe als Schwäche von Sprachmodellen ohne Suche.

Die Faustregel

Passt es ins Fenster, gib es ganz hinein. Ist es eine ganze Bibliothek, braucht es RAG. Oder einen Agenten, der selbst gezielt sucht.

Folie «Faustregel»: «Passt ins Fenster → ganz hinein», «Ganze Bibliothek → RAG», «Oder → ein Agent, der selbst sucht».

Ein Agent wählt nicht vorab Schnipsel aus. Er sucht mit Werkzeugen selbst, prüft, was er findet, und sucht bei Bedarf weiter. Boris Cherny vom Team hinter Claude Code schrieb 2026, frühe Versionen des Werkzeugs hätten RAG mit einer lokalen Vektordatenbank genutzt; die agentische Suche funktioniere aber in der Regel besser und sei einfacher.

Antworten an der Quelle prüfen

Wer mit KI-Assistenten für eigene Unterlagen arbeitet, etwa für Kursdossiers oder Reglemente, kann daraus einiges ableiten.

Zeigt ein Assistent an, aus welchem Dokument eine Antwort stammt, lohnt sich der Blick dorthin. Das ist eine Stärke von RAG.

«Nichts gefunden» heisst nicht «gibt es nicht». Vielleicht hat die Suche den passenden Schnipsel nur nicht erwischt. Es hilft, die Frage mit anderen Begriffen zu wiederholen.

Bei Fragen über mehrere Kapitel ist Vorsicht angebracht. Vergleiche, Zusammenfassungen ganzer Dokumente oder Widersprüche zwischen Abschnitten gehen mit RAG leicht verloren. Passt das Dokument ins Fenster, ist es oft besser, es ganz mitzugeben.

Wie zuverlässig ein bestimmter Assistent ist, zeigt ein kurzer Test mit einem Dokument, das man gut kennt. Drei Fragen genügen: eine Detailfrage, deren Antwort in einem einzigen Abschnitt steht, eine Frage, die zwei Kapitel verbindet, und eine Frage, deren Antwort nicht im Dokument steht. Der Vergleich mit dem Original zeigt rasch, wo der Assistent verlässlich ist. Das Ergebnis lässt sich auch mit Teilnehmenden gemeinsam auswerten.

Was Modell, Sprachmodell, Chat und Agent genau unterscheidet, zeigt der Beitrag Modell, LLM, Chat, Agent: vier Begriffe, ein Bild.

Wer weiss, was das Modell sieht, weiss auch, was es nicht wissen kann.

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