«Welcher Lerntyp bist du?» Die Idee hinter dieser Frage ist unter Lehrenden weit verbreitet, auch in der Erwachsenenbildung. Visuell, auditiv oder kinästhetisch, und wer passend zu seinem Typ unterrichtet wird, lernt besser. Die Idee ist eingängig, verbreitet und gut gemeint. Belegt ist sie nicht.
Was die Forschung sagt
2008 haben Harold Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer und Robert Bjork die Studienlage im Auftrag der Association for Psychological Science geprüft. Ihre Frage war genau: Lernen Menschen besser, wenn der Unterricht zu ihrem bevorzugten Lernstil passt?

Eine Vorliebe für eine Darstellungsform heisst nicht, dass man damit besser lernt.
Um das sauber zu testen, braucht es ein bestimmtes Studiendesign: Lernende mit verschiedenen Lernstilen werden zufällig auf verschiedene Unterrichtsformen verteilt, danach wird für alle derselbe Test gemacht. Solche Studien fanden die Forschenden nur wenige. Diese zeigten den erwarteten Effekt nicht, mehrere widersprachen ihm sogar deutlich. Ihr Fazit: Es gibt keine ausreichende Evidenz dafür, den Unterricht auf Lernstile abzustimmen.
Eine neuere Meta-Analyse von 2024 findet unter bestimmten Bedingungen kleine Effekte. An der praktischen Empfehlung ändert das wenig: Der Aufwand für Lerntyp-Tests und angepasste Materialien steht in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen.
Warum der Mythos so hartnäckig ist
Trotzdem glauben die meisten Lehrenden daran. Philip Newton und Atharva Salvi haben 2020 dazu 37 Studien mit über 15’000 Lehrpersonen und Kursleitenden aus 18 Ländern ausgewertet. Gewichtet gaben rund 89 Prozent an, dass sie an die Anpassung an Lernstile glauben, also etwa neun von zehn.

Kein Beleg für Lernstile, und trotzdem glauben rund 89 Prozent der Lehrenden daran.
Ein Grund: Die Idee enthält einen wahren Kern. Vorlieben haben wir alle. Manche lesen lieber, andere hören lieber zu. Nur heisst eine Vorliebe nicht, dass wir so auch besser lernen. Rogowsky und Kollegen haben 2015 genau das geprüft: Erwachsene, die sich als Lesende oder Hörende einschätzten, lernten mit dem passenden Format nicht besser.
Was stattdessen wirkt
Die Darstellung passt zum Inhalt, nicht zur Person. Ein Ablauf braucht ein Schema, eine Aussprache braucht Ton, ein Handgriff braucht Übung. Diese Entscheidung gilt für alle Teilnehmenden gleich.

Die Darstellung richtet sich nach dem Inhalt, nicht nach einem Lerntyp.
Aktiv abrufen und verteilt wiederholen. Beide Techniken gehören zu den am besten belegten überhaupt. Mehr dazu im Beitrag zur Vergessenskurve.
Mein Vorschlag für deinen nächsten Kurs
Streiche den Lerntyp-Test aus dem Kursbeginn. Nutze die gewonnene Zeit für eine kurze Abfrage zu dem, was die Teilnehmenden schon wissen. Das zeigt dir mehr über die Gruppe als jede Typologie und ist gleichzeitig die erste Abrufübung.
Und wenn du Material planst, frag nicht «Was mögen die Teilnehmenden?», sondern «Was braucht dieser Inhalt?».
Häufige Fragen
Gibt es Lerntypen wirklich?
Für die Idee, dass Menschen besser lernen, wenn der Unterricht zu ihrem Lerntyp passt, gibt es keine ausreichende Evidenz. Zu diesem Schluss kamen Pashler und Kollegen 2008 nach einer Prüfung der Studienlage. Vorlieben gibt es zwar, aber eine Vorliebe heisst nicht, dass man so besser lernt.
Wie viele Lehrpersonen glauben an Lerntypen?
Newton und Salvi werteten 2020 37 Studien mit über 15'000 Lehrpersonen und Kursleitenden aus 18 Ländern aus. Gewichtet glaubten rund 89 Prozent an die Anpassung des Unterrichts an Lernstile, also etwa neun von zehn.
Was wirkt besser als Unterricht nach Lerntyp?
Die Darstellung soll zum Inhalt passen, nicht zur Person: Ein Ablauf braucht ein Schema, eine Aussprache Ton, ein Handgriff Übung. Für alle gilt zudem: aktiv abrufen und verteilt wiederholen.


