Rico EberleDübendorf, zur Startseite

Weniger auf die Folie, mehr Platz zum Denken

Wer zuhört und gleichzeitig eine volle Folie liest, verarbeitet zwei Sprachströme, und diese Aufmerksamkeit fehlt fürs Verstehen.

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Diese Folie hat 94 Wörter. Wie viele davon bleiben hängen?

Unser Arbeitsgedächtnis ist eng begrenzt. Wer gleichzeitig zuhört und eine volle Folie liest, verarbeitet zwei Sprachströme auf einmal. Das kostet Aufmerksamkeit, die dann fürs Verstehen fehlt.

Die Forschung von Richard Mayer zeigt das immer wieder. Menschen lernen besser aus Bild und gesprochenem Wort als aus Bild, gesprochenem Wort und demselben Text auf der Folie. Das ist das Redundanzprinzip. Dazu kommt das Kohärenzprinzip: Alles, was nicht zum Lernziel beiträgt, lenkt ab.

Für die nächste Präsentation heisst das drei Dinge. Erstens: eine Aussage pro Folie, als kurzer Satz. Zweitens: ein Bild oder Schema statt Aufzählung. Drittens: Was du sagst, muss nicht auf der Folie stehen. Die Details gehören ins Handout.

Weniger Text heisst nicht weniger Inhalt, sondern mehr Platz zum Denken.

94 Wörter auf einer Folie. Wie viele davon bleiben hängen?

Folien wie die im Video kennst du wahrscheinlich aus Weiterbildungen und Sitzungen: ein Titel, sechs Aufzählungspunkte. Gut gemeint, denn alles Wichtige steht drauf. Nur liest dein Publikum, während du sprichst. Und beides gleichzeitig geht schlechter, als wir denken.

Das Nadelöhr heisst Arbeitsgedächtnis

Die Cognitive Load Theory geht auf John Sweller zurück. Unser Arbeitsgedächtnis ist eng begrenzt. Was wir neu verstehen wollen, muss durch dieses Nadelöhr.

Schema «Das Arbeitsgedächtnis»: Zwei Kästen «zuhören» und «lesen» laufen in einen rot markierten Kasten «Arbeitsgedächtnis». Text: «Zwei Sprachströme gleichzeitig: Es fehlt Aufmerksamkeit fürs Verstehen.»

Wer zuhört und gleichzeitig eine volle Folie liest, schickt zwei Sprachströme hindurch. Mayer und Moreno beschreiben 2003, dass diese Doppelung eine zusätzliche, unnötige Belastung erzeugt. Die Aufmerksamkeit fehlt dann fürs Verstehen.

Was du sagst, muss nicht nochmals auf die Folie

Richard Mayer hat die Forschung dazu 2017 in Gestaltungsregeln für E-Learning übersetzt. Zwei davon passen direkt auf Folien:

  • Redundanzprinzip: Menschen lernen besser aus Bild und gesprochenem Wort als aus Bild, gesprochenem Wort und demselben Text auf dem Bildschirm. Mayer formuliert es als Regel: Zu einer vertonten Grafik keinen Bildschirmtext hinzufügen.
  • Kohärenzprinzip: Alles, was nicht zum Lernziel beiträgt, lenkt ab. Also überflüssiges Material weglassen.

Folie «Was die Forschung zeigt»: Ein langer oranger Balken «Bild + gesprochenes Wort: lernen besser», darunter ein deutlich kürzerer Balken «Bild + gesprochenes Wort + derselbe Text». Etikett «Redundanzprinzip, Mayer». Darunter: «Kohärenzprinzip: Was nicht zum Lernziel beiträgt, lenkt ab.»

Text auf Folien ist damit nicht verboten. Aber Text, der nur wiederholt, was du ohnehin sagst, stört mehr, als er hilft.

Und die Untertitel in diesem Video?

Berechtigte Frage, denn auch die Nuggets zeigen Text zur Stimme. Das Redundanzprinzip bezieht sich auf Lernsituationen mit Ton, etwa vorgelesene Folien. Ich habe mich trotzdem für Untertitel entschieden. Sie machen ein kurzes Video auch ohne Ton verständlich und helfen bei einer Fremdsprache oder einer Hörbeeinträchtigung.

Drei Dinge für deine nächste Präsentation

  1. Eine Aussage pro Folie, als kurzer Satz.
  2. Ein Bild oder Schema statt Aufzählung.
  3. Was du sagst, muss nicht auf der Folie stehen. Die Details gehören ins Handout.

Die vollste Folie zuerst

Nimm deine letzte Präsentation und such die vollste Folie. Zähl die Wörter. Dann schreib die eine Aussage, die hängen bleiben soll, als einzigen Satz auf eine neue Folie. Überleg dir ein Bild oder Schema, das diese Aussage zeigt. Alles andere wandert in die Notizen für deinen Vortrag oder ins Handout.

Beim nächsten Vortrag lohnt sich ein Blick ins Publikum. Schaut es zu dir oder auf die Leinwand?

Merksatz in grosser Schrift: «Weniger Text. Mehr Platz zum Denken.»

Weniger Text heisst nicht weniger Inhalt, sondern mehr Platz zum Denken.

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