Microsoft raus, Open Source rein, Problem gelöst? So einfach ist es nicht. Die Formel behandelt Souveränität wie einen Lichtschalter, entweder an oder aus. In der Praxis ist sie eine Skala.
Der Bundesrat spricht von «erforderlicher» Kontrolle
Der Bundesrat hat im November 2025 einen Bericht zur digitalen Souveränität der Schweiz veröffentlicht, in Erfüllung des Postulats 22.4411. Er beschreibt sie als «die erforderliche Kontroll- und Handlungsfähigkeit des Staates im digitalen Raum». Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass der Begriff unterschiedlich verstanden wird.
Von vollständiger Unabhängigkeit ist in der Definition nicht die Rede.
Vier Regler statt eines Schalters
Im Video nutze ich dafür ein eigenes Modell mit vier Reglern. Es ist kein offizielles Raster, sondern eine Denkhilfe:
- Daten: Wo liegen sie, und wer kann darauf zugreifen?
- Software: Lässt sie sich prüfen, anpassen und im Notfall ersetzen?
- Infrastruktur: Wer betreibt die Server, und nach welchem Recht?
- Kompetenz: Verstehen wir selbst, was wir einsetzen, oder hängen wir am Wissen des Anbieters?

Jeder Regler steht irgendwo zwischen «abhängig» und «souverän». Eine Organisation kann bei einem Regler weit rechts und bei einem anderen weit links stehen.
Eine Schule steht bei jedem Regler woanders
Im Video steht eine Schule als Beispiel. Ihre Daten liegen in einem Schweizer Rechenzentrum, aber bei einem US-Konzern. Solche Angebote gibt es tatsächlich: Microsoft bietet Office 365 seit 2019 mit Datenhaltung in der Schweiz an. Der Speicherort ist damit geklärt, der Betreiber bleibt ein ausländisches Unternehmen. Der Regler steht in der Mitte.

Die Software ist proprietär und tief im Alltag verankert. Die Infrastruktur betreibt ein globaler Cloud-Anbieter. Und eine einzelne Person betreut die IT neben dem Unterricht. Das Beispiel ist konstruiert, keine Erhebung über Schweizer Schulen.
Jeder Regler lässt sich bei der Beschaffung prüfen
Wer ein neues Werkzeug auswählt, kann jeden Regler mit einer konkreten Frage prüfen:
- Daten: Wo werden die Daten gespeichert, und welche Stellen können rechtlich auf sie zugreifen?
- Software: Können wir die Daten in einem offenen Format exportieren? Was kostet ein Wechsel in fünf Jahren?
- Infrastruktur: Wer betreibt den Dienst, und welches Recht gilt für diesen Betreiber?
- Kompetenz: Wer bei uns versteht das System so gut, dass wir ohne den Anbieter Entscheide treffen können?
Keine dieser Fragen verlangt eine perfekte Antwort. Sie zeigen, in welche Richtung ein Entscheid die Regler verschiebt.
Meine Sicht
Alle Regler auf einen Schlag nach rechts schieben? Das wäre teuer und riskant. Sinnvoller finde ich, bei jedem neuen Entscheid zu fragen: In welche Richtung bewegt uns das?
Für mich ist der wichtigste Regler der unscheinbarste: Kompetenz. Ohne sie bewegt sich keiner der anderen. Wer selbst versteht, was er einsetzt, kann Daten verlagern, Software wechseln und Betreiber vergleichen. Wer dieses Wissen nicht hat, bleibt beim Anbieter, egal wo die Server stehen.


