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Digitale Souveränität ist kein Schalter, sondern eine Skala

Warum sich digitale Souveränität nicht mit an oder aus beschreiben lässt, welche vier Regler dabei zählen und welche Fragen du bei der nächsten Beschaffung stellen kannst.

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Microsoft raus, Open Source rein, fertig? So einfach ist es nicht.

Digitale Souveränität wird oft diskutiert wie ein Lichtschalter: an oder aus. In Wirklichkeit ist sie eine Skala. Und zwar nicht eine, sondern vier.

Erstens: Daten. Wo liegen sie, und wer kann darauf zugreifen? Zweitens: Software. Können wir sie prüfen, anpassen und im Notfall ersetzen? Drittens: Infrastruktur. Wer betreibt die Server, und nach welchem Recht? Viertens: Kompetenz. Verstehen wir selbst, was wir einsetzen, oder hängen wir am Wissen des Anbieters?

Nehmen wir eine Schule, wie es viele gibt. Die Daten liegen in einem Schweizer Rechenzentrum, aber bei einem US-Konzern. Der Regler steht in der Mitte. Die Software ist proprietär und tief im Alltag verankert. Weit links. Die Infrastruktur betreibt ein globaler Cloud-Anbieter. Auch links. Und die Kompetenz? In unserem Beispiel betreut eine Person die ganze IT neben dem Unterricht.

Das Ziel ist nicht, alle Regler auf einen Schlag nach rechts zu schieben. Das wäre teuer und riskant. Das Ziel ist, bei jedem neuen Entscheid zu fragen: In welche Richtung bewegt uns das? Und für mich ist der wichtigste Regler der unscheinbarste: Kompetenz. Denn ohne sie bewegt sich keiner der anderen.

Souveränität ist kein Schalter, sondern eine Skala. Wo stehen die vier Regler in deiner Organisation?

In Diskussionen über digitale Souveränität taucht oft eine einfache Formel auf: Microsoft raus, Open Source rein, Problem gelöst. Die Formel behandelt Souveränität wie einen Lichtschalter, entweder an oder aus. In der Praxis ist die Lage vielschichtiger.

Was der Bundesrat unter digitaler Souveränität versteht

Der Bundesrat hat im November 2025 einen Bericht zur digitalen Souveränität der Schweiz veröffentlicht, in Erfüllung des Postulats 22.4411. Er beschreibt sie als «die erforderliche Kontroll- und Handlungsfähigkeit des Staates im digitalen Raum». Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass der Begriff unterschiedlich verstanden wird.

Die Definition spricht von der erforderlichen Kontroll- und Handlungsfähigkeit, nicht von vollständiger Unabhängigkeit.

Vier Regler statt eines Schalters

Um die Frage greifbar zu machen, nutze ich im Video ein eigenes Modell mit vier Reglern. Es ist kein offizielles Raster, sondern eine Denkhilfe:

  1. Daten: Wo liegen sie, und wer kann darauf zugreifen?
  2. Software: Lässt sie sich prüfen, anpassen und im Notfall ersetzen?
  3. Infrastruktur: Wer betreibt die Server, und nach welchem Recht?
  4. Kompetenz: Verstehen wir selbst, was wir einsetzen, oder hängen wir am Wissen des Anbieters?

Folie «Vier Regler» mit vier Schiebereglern zwischen «abhängig» und «souverän»: Daten (Wo liegen sie, wer greift zu?), Software (Prüfen, anpassen, ersetzen?), Infrastruktur (Wer betreibt, nach welchem Recht?), Kompetenz (Verstehen wir es selbst?).

Das Modell der vier Regler: Daten, Software, Infrastruktur und Kompetenz.

Jeder Regler steht irgendwo zwischen «abhängig» und «souverän». Eine Organisation kann bei einem Regler weit rechts und bei einem anderen weit links stehen.

Das Beispiel Schule

Im Video steht eine Schule als Beispiel. Ihre Daten liegen in einem Schweizer Rechenzentrum, aber bei einem US-Konzern. Solche Angebote gibt es tatsächlich: Microsoft bietet Office 365 seit 2019 mit Datenhaltung in der Schweiz an. Der Speicherort ist damit geklärt, der Betreiber bleibt aber ein ausländisches Unternehmen. Der Regler steht deshalb in der Mitte.

Folie «Beispiel: eine Schule» mit den vier Reglern zwischen «abhängig» und «souverän»: Daten in der Mitte, Software weit links bei «abhängig», Infrastruktur und Kompetenz im linken Drittel.

Eine Schule als Beispiel: Die vier Regler stehen unterschiedlich weit.

Die übrigen Werte im Beispiel: proprietäre Software, die tief im Alltag verankert ist, eine Infrastruktur bei einem globalen Cloud-Anbieter und eine einzelne Person, die die IT neben dem Unterricht betreut. Das ist ein konstruiertes Beispiel, keine Erhebung über Schweizer Schulen.

Fragen für die nächste Beschaffung

Wer ein neues Werkzeug auswählt, kann jeden Regler mit einer konkreten Frage prüfen:

  • Daten: Wo werden die Daten gespeichert, und welche Stellen können rechtlich auf sie zugreifen?
  • Software: Können wir die Daten in einem offenen Format exportieren? Was kostet ein Wechsel in fünf Jahren?
  • Infrastruktur: Wer betreibt den Dienst, und welches Recht gilt für diesen Betreiber?
  • Kompetenz: Wer bei uns versteht das System so gut, dass wir ohne den Anbieter Entscheide treffen können?

Keine dieser Fragen verlangt eine perfekte Antwort. Sie machen sichtbar, in welche Richtung ein Entscheid die Regler verschiebt.

Meine Sicht

Ich halte es für falsch, alle Regler auf einen Schlag nach rechts schieben zu wollen. Das wäre teuer und riskant. Sinnvoller finde ich, bei jedem neuen Entscheid zu fragen: In welche Richtung bewegt uns das?

Für mich ist der wichtigste Regler der unscheinbarste: Kompetenz. Ohne sie bewegt sich keiner der anderen. Wer selbst versteht, was er einsetzt, kann Daten verlagern, Software wechseln und Betreiber vergleichen. Wer dieses Wissen nicht hat, bleibt beim Anbieter, egal wo die Server stehen.

Und bei dir?

Souveränität ist kein Schalter, sondern eine Skala. Wo stehen die vier Regler in deiner Organisation, und welcher bewegt sich als nächstes?

Merksatz in grosser Schrift: «Kein Schalter. Eine Skala.»

Digitale Souveränität ist kein Entweder-oder.

Häufige Fragen

Was ist digitale Souveränität?

Der Bundesrat beschreibt sie in seinem Bericht vom November 2025 als «die erforderliche Kontroll- und Handlungsfähigkeit des Staates im digitalen Raum». Er hält zugleich fest, dass der Begriff unterschiedlich verstanden wird.

Bedeutet digitale Souveränität vollständige Unabhängigkeit?

Die Definition des Bundesrats spricht von der erforderlichen Kontroll- und Handlungsfähigkeit, nicht von vollständiger Unabhängigkeit. Der Beitrag beschreibt Souveränität deshalb als Skala mit vier Reglern: Daten, Software, Infrastruktur und Kompetenz.

Learning Nugget einbetten

Für Lernplattformen, Blogs und Schul-Websites. Inhalte unter CC BY 4.0.

Über den Autor

Rico Eberle

Rico Eberle ist E-Learning-Experte, Betriebsökonom FH und Gemeinderat in Dübendorf. Er präsidiert den Stiftungsrat der Stiftung Weiterbildungskurse Dübendorf (WBK). In den Learning Nuggets erklärt er Forschung zu Lernen, KI und digitaler Souveränität kurz und mit Quellen.

Text, Transkript und Video von Rico Eberle unter CC BY 4.0 (ohne Musik und Soundeffekte). Für den Unterricht frei verwendbar: Weiterverwenden und offene Daten.