Im April 2026 hat Andrej Karpathy, Gründungsmitglied von OpenAI, eine kurze Notiz veröffentlicht. Er nennt sie selbst eine «idea file»: kein Produkt, sondern ein Muster, das man einem KI-Agenten zum Umsetzen gibt. Die Idee ist ein Wiki, das nicht Menschen pflegen, sondern ein Sprachmodell. Karpathy denkt dabei an Recherchen, Lernnotizen oder Team-Wissen. Das Muster lässt sich gut auf Projektarbeit übertragen.
Was Karpathy vorschlägt
Die meisten KI-Assistenten für eigene Dokumente suchen bei jeder Frage passende Textstellen und bauen daraus eine Antwort. Wie das funktioniert, zeigt der Beitrag RAG erklärt: Deine KI hat das Handbuch nie gelesen. Karpathys Einwand: Das Modell entdeckt das Wissen bei jeder Frage von Neuem, nichts sammelt sich an.
Sein Gegenvorschlag hat drei Ebenen:
- Quellen: Artikel, Protokolle, Daten. Das Modell liest sie, verändert sie aber nie.
- Wiki: Zusammenfassungen und Seiten zu Themen, Personen oder Begriffen, untereinander verlinkt. Diese Dateien schreibt das Modell.
- Regeldatei: Sie legt fest, wie das Wiki aufgebaut ist und wie das Modell arbeitet, zum Beispiel als
CLAUDE.mdoderAGENTS.md.
Dazu kommen drei Abläufe. Beim Aufnehmen einer neuen Quelle fasst das Modell sie zusammen und ergänzt alle betroffenen Seiten, laut Karpathy oft zehn bis fünfzehn auf einmal. Bei einer Frage liest es zuerst ein Inhaltsverzeichnis, dann die passenden Seiten, und antwortet mit Verweisen. Beim Aufräumen sucht es nach Widersprüchen, veralteten Aussagen und Seiten ohne Verlinkung.
Warum das funktionieren soll, begründet Karpathy mit einer Beobachtung: Wikis von Menschen verwaisen, weil die Pflege schneller wächst als der Nutzen. Einem Sprachmodell wird das Nachführen nicht zu viel. Eine Studie dazu gibt es nicht, es ist seine These.
Das Muster für ein Projekt
Für ein Projekt heisst das: Die Quellen sind Protokolle, Mails und Offerten. Das Wiki enthält, was man im Projekt ohnehin wissen will, nämlich Status, Entscheide, offene Punkte und Risiken. Diese Seiten stammen nicht von Karpathy, sie sind meine Anwendung seines Musters.

Die Regeldatei ist der wichtigste Teil. Sie macht aus einem Chatbot einen Protokollführer, der sich an Abmachungen hält. Ein Anfang kann so aussehen:
# Regeln für dieses Projekt-Wiki
- Dateien in Quellen/ nie verändern.
- Jeder Entscheid in Wiki/entscheide.md, mit Datum und Quelle (Dateiname des Protokolls).
- Jeder offene Punkt in Wiki/offene-punkte.md, mit Verantwortung und Termin.
- Widerspricht eine neue Quelle dem Wiki: markieren und nachfragen, nie still überschreiben.
- Jede Änderung mit Datum in Wiki/log.md eintragen.
Das Protokoll der Änderungen (log.md) übernimmt Karpathy ebenfalls in sein Muster. Es zeigt später, wann welche Quelle aufgenommen wurde.
Im Alltag reichen dann drei Aufträge. Nach jeder Sitzung kommt das Protokoll in die Quellen, und der Auftrag lautet: «Nimm das neue Protokoll auf.» Das Modell trägt neue Entscheide ein, schliesst erledigte Punkte und meldet, wenn etwas dem bisherigen Stand widerspricht. Statt zu suchen, fragst du: «Was wurde seit letzter Woche entschieden?» oder «Welche Punkte haben keinen Termin?» Die Antwort kommt aus dem Wiki und nennt die Quelle, und daraus wird gleich der Statusbericht. Einmal pro Woche lässt du aufräumen: abgelaufene Termine, Punkte ohne Verantwortung, Aussagen, die nicht mehr stimmen.
Was es dafür braucht
Ein Chatfenster, in das man Text kopiert, reicht nicht. Es braucht eine KI, die Dateien in einem Ordner lesen und schreiben darf, also einen Agenten. Karpathy nennt Claude Code und Codex. Zum Lesen des Wikis genügt jedes Programm, das Textdateien anzeigt. Karpathy selbst nutzt dafür Obsidian.
Wo die Grenzen liegen
Ein Sprachmodell kann sich irren, auch beim Zusammenfassen eines Protokolls. Darum bleiben die Quellen unverändert neben dem Wiki liegen, und jeder Eintrag verweist auf seine Quelle. Entscheide prüfst du selbst.
Projektdaten sind oft vertraulich. Sie gehören nur in ein Werkzeug, das dafür freigegeben ist. Wie man das einschätzt, zeigt die Daten-Ampel.
Auch die Grösse hat eine Grenze. Laut Karpathy funktioniert das Inhaltsverzeichnis bis etwa hundert Quellen gut. Darüber braucht das Wiki eine Suche. Für ein einzelnes Projekt reicht das meist.
Du führst das Projekt. Die KI führt Buch. Prüfen bleibt deine Aufgabe.
Häufige Fragen
Brauche ich dafür Obsidian?
Nein. Das Wiki besteht aus einfachen Textdateien (Markdown), die jedes Programm anzeigen kann. Karpathy nutzt Obsidian zum Lesen, weil es Links und Zusammenhänge gut darstellt.
Ab wie vielen Dokumenten braucht das Wiki eine Suche?
Laut Karpathy reicht das Inhaltsverzeichnis bis etwa hundert Quellen. Darüber empfiehlt er ein zusätzliches Suchwerkzeug. Für ein einzelnes Projekt reicht das Inhaltsverzeichnis meist.
