Drei Lehrgänge, ein Etikett: eine Live-Lektion per Videokonferenz, ein Präsenzlehrgang mit digitaler Lernplattform und ein Lernpfad, den man ganz allein durcharbeitet. Alle drei heissen «online». Didaktisch liegen Welten dazwischen, und für Lernende fühlen sie sich völlig verschieden an.
Ein Stundenplan bleibt ein Stundenplan
Die übliche Frage «Präsenz oder online?» unterscheidet nur nach dem Ort. Der Ort macht ein Lernangebot didaktisch aber nicht aus. Unterricht mit festen Zeiten bleibt auch in der Videokonferenz ein Stundenplan. Die Lernenden sparen den Weg. Wann und in welchem Tempo gelernt wird, bestimmt weiterhin die Schule.

Drei Dimensionen statt einer
Ich schaue deshalb auf drei Dimensionen:
- Flexibilität: Wer bestimmt Ort, Zeit und Tempo?
- Führung und Verbindlichkeit: Wie stark strukturiert und begleitet die Schule das Lernen?
- Selbstregulation: Wie viel Planung und Durchhaltevermögen verlangt das Modell von den Lernenden?
Daraus ergeben sich vier Typen: das Online-Klassenzimmer, die Schule mit digitalem Lernökosystem, das digitale Selbstlernmodell und der Baukasten, der mehrere Formate nebeneinander anbietet. Die Typologie ist eine konzeptionelle Darstellung für die kaufmännische Weiterbildung, keine Bewertung einzelner Schulen.
Ganz neu sind diese Dimensionen nicht. Das Modell der Community of Inquiry von Garrison, Anderson und Archer (2000) beschreibt für das Online-Lernen neben sozialer und kognitiver Präsenz auch eine Teaching Presence: die Gestaltung und Begleitung des Lernens durch die Lehrenden. Das liegt nahe an meiner zweiten Dimension.
Flexibilität hat einen Preis
Mehr Flexibilität verschiebt Verantwortung zu den Lernenden. Wer Ort, Zeit und Tempo selbst wählt, muss auch selbst planen, dranbleiben und den eigenen Fortschritt im Blick behalten. Eine Übersichtsarbeit von Broadbent und Poon (2015) zeigt, dass solche Selbstregulationsstrategien beim Online-Lernen mit dem Lernerfolg zusammenhängen, etwa das Zeitmanagement.

Das flexibelste Modell ist darum nicht automatisch das beste. Es kommt auf die Passung zur Zielgruppe an.
Den eigenen Lehrgang einordnen
In einer Teamsitzung lässt sich das am eigenen Lehrgang prüfen. Zuerst schätzt ihr ihn auf den drei Dimensionen ein, jeweils von «tief» bis «hoch». Dann folgen drei Fragen:
- Stimmt die Beschreibung? Würde jemand aus der Zielgruppe den Lehrgang anhand des Prospekts gleich einordnen?
- Passt die Selbstregulation zur Zielgruppe? Wer neben Beruf und Familie lernt, braucht vielleicht Flexibilität, aber auch klare Etappen.
- Wo fehlt Unterstützung? Wenn ihr viel Flexibilität bietet, was gebt ihr den Lernenden mit, damit sie damit umgehen können?

Die Antworten führen meist zur eigentlichen Frage: Brauchen wir flexiblere Angebote oder bessere Unterstützung für die Flexibilität? Das Etikett «online» beantwortet sie nicht.
