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Online ist nicht gleich online

Warum die Frage «Präsenz oder online?» zu kurz greift und wie drei Dimensionen helfen, digitale Lernangebote ehrlich zu beschreiben und passend zu wählen.

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Online ist nicht gleich online. Eine Live-Lektion über Zoom, ein digital unterstützter Präsenzlehrgang und ein selbstgesteuerter Lernpfad tragen oft dasselbe Etikett. Didaktisch liegen Welten dazwischen.

Die Frage Präsenz oder online greift deshalb zu kurz. Unterricht mit festen Zeiten bleibt auch in der Videokonferenz ein Stundenplan. Man spart nur den Weg.

Ich schaue deshalb auf drei Dimensionen. Erstens: Flexibilität. Wer bestimmt Ort, Zeit und Tempo? Zweitens: Führung und Verbindlichkeit. Wie stark strukturiert und begleitet die Schule? Drittens: Selbstregulation. Wie viel Planung und Durchhaltevermögen verlangt das Modell von den Lernenden?

Daraus ergeben sich vier Typen. Das Online-Klassenzimmer: ortsflexibel, sonst klassisch. Die Schule mit digitalem Lernökosystem: Struktur und Flexibilität zusammen. Das digitale Selbstlernmodell: sehr flexibel, aber anspruchsvoll. Und der Baukasten, der mehrere Formate nebeneinander anbietet.

Mehr Flexibilität verschiebt Verantwortung zu den Lernenden. Das flexibelste Modell ist darum nicht automatisch das beste. Entscheidend ist die Passung zur Zielgruppe.

Die Frage ist also nicht: Präsenz oder online? Sondern: Welche Balance aus Flexibilität, Führung und Selbstverantwortung passt zu wem? Brauchen wir flexiblere Angebote oder bessere Unterstützung für die Flexibilität?

«Diesen Lehrgang gibt es auch online.» So ein Satz klingt nach einer klaren Auskunft. Er sagt aber erstaunlich wenig. Gemeint sein kann eine Live-Lektion per Videokonferenz, ein Präsenzlehrgang mit digitaler Lernplattform oder ein Lernpfad, den man ganz allein durcharbeitet. Alle drei tragen dasselbe Etikett. Für Lernende fühlen sie sich völlig verschieden an.

Warum «Präsenz oder online?» zu kurz greift

Die übliche Frage unterscheidet nur nach dem Ort. Der Ort ist aber nicht das, was ein Lernangebot didaktisch ausmacht. Unterricht mit festen Zeiten bleibt auch in der Videokonferenz ein Stundenplan. Die Lernenden sparen den Weg, aber wann und in welchem Tempo gelernt wird, bestimmt weiterhin die Schule.

Folie «Gleiches Etikett»: drei Karten, alle mit dem Label «online»: Live-Lektion per Videokonferenz, Präsenzlehrgang digital unterstützt, Selbstgesteuerter Lernpfad. Daneben: «Didaktisch liegen Welten dazwischen.»

Drei sehr verschiedene Angebote, alle mit demselben Etikett «online».

Drei Dimensionen statt einer

Ich beschreibe Lernangebote deshalb entlang von drei Dimensionen:

  1. Flexibilität: Wer bestimmt Ort, Zeit und Tempo?
  2. Führung und Verbindlichkeit: Wie stark strukturiert und begleitet die Schule das Lernen?
  3. Selbstregulation: Wie viel Planung und Durchhaltevermögen verlangt das Modell von den Lernenden?

Daraus ergeben sich vier Typen: das Online-Klassenzimmer, die Schule mit digitalem Lernökosystem, das digitale Selbstlernmodell und der Baukasten, der mehrere Formate nebeneinander anbietet. Die Typologie ist eine konzeptionelle Darstellung für die kaufmännische Weiterbildung, keine Bewertung einzelner Schulen.

Ganz neu sind diese Dimensionen nicht. Das Modell der Community of Inquiry von Garrison, Anderson und Archer (2000) beschreibt für das Online-Lernen neben sozialer und kognitiver Präsenz auch eine Teaching Presence: die Gestaltung und Begleitung des Lernens durch die Lehrenden. Das liegt nahe an meiner zweiten Dimension.

Flexibilität hat einen Preis

Mehr Flexibilität verschiebt Verantwortung zu den Lernenden. Wer Ort, Zeit und Tempo selbst wählt, muss auch selbst planen, dranbleiben und den eigenen Fortschritt im Blick behalten. Eine Übersichtsarbeit von Broadbent und Poon (2015) zeigt, dass solche Selbstregulationsstrategien beim Online-Lernen mit dem Lernerfolg zusammenhängen, etwa das Zeitmanagement.

Diagramm «Mehr Flexibilität, mehr Verantwortung»: x-Achse Flexibilität (Ort, Zeit, Tempo), y-Achse Führung & Verbindlichkeit. Vier Kreise: D Online-Klassenzimmer und B Schule mit digitalem Lernökosystem oben links, C Baukasten mehrerer Formate in der Mitte, A Digitales Selbstlernmodell unten rechts als grösster Kreis. Text: «Entscheidend ist die Passung zur Zielgruppe.»

Je flexibler das Format, desto mehr Verantwortung liegt bei den Lernenden.

Das flexibelste Modell ist darum nicht automatisch das beste. Entscheidend ist die Passung zur Zielgruppe.

Eine Übung für dein Team

Mein Vorschlag für die nächste Teamsitzung: Nehmt einen eigenen Lehrgang und schätzt ihn auf den drei Dimensionen ein, jeweils von «tief» bis «hoch». Dann stellt ihr drei Fragen:

  • Stimmt die Beschreibung? Würde jemand aus der Zielgruppe den Lehrgang anhand des Prospekts gleich einordnen?
  • Passt die Selbstregulation zur Zielgruppe? Wer neben Beruf und Familie lernt, braucht vielleicht Flexibilität, aber auch klare Etappen.
  • Wo fehlt Unterstützung? Wenn ihr viel Flexibilität bietet, was gebt ihr den Lernenden mit, damit sie damit umgehen können?

Merksatz in grosser Schrift: «Nicht: Präsenz oder online? Sondern: Welche Balance passt zu wem?»

Die bessere Frage: Welche Balance passt zu welcher Zielgruppe?

Die Antworten führen meist zur eigentlichen Frage: Brauchen wir flexiblere Angebote oder bessere Unterstützung für die Flexibilität? Nicht Präsenz oder online, sondern die Balance aus Flexibilität, Führung und Selbstverantwortung, die zu euren Lernenden passt.

Häufige Fragen

Was heisst «online» bei einem Lehrgang?

Das Etikett sagt wenig: Gemeint sein kann eine Live-Lektion per Videokonferenz, ein Präsenzlehrgang mit digitaler Lernplattform oder ein Lernpfad, den man allein durcharbeitet. Für Lernende fühlen sich diese Formate völlig verschieden an.

Woran erkenne ich, welches Lernangebot passt?

Statt nur nach Präsenz oder online zu fragen, hilft der Blick auf drei Dimensionen: Flexibilität, Führung und Verbindlichkeit sowie Selbstregulation. Entscheidend ist die Passung zur Zielgruppe; das flexibelste Modell ist nicht automatisch das beste.

Warum ist Selbstregulation beim Online-Lernen wichtig?

Mehr Flexibilität verschiebt Verantwortung zu den Lernenden: Sie müssen selbst planen, dranbleiben und den eigenen Fortschritt im Blick behalten. Eine Übersichtsarbeit von Broadbent und Poon (2015) zeigt, dass Selbstregulationsstrategien wie Zeitmanagement beim Online-Lernen mit dem Lernerfolg zusammenhängen.

Learning Nugget einbetten

Für Lernplattformen, Blogs und Schul-Websites. Inhalte unter CC BY 4.0.

Über den Autor

Rico Eberle

Rico Eberle ist E-Learning-Experte, Betriebsökonom FH und Gemeinderat in Dübendorf. Er präsidiert den Stiftungsrat der Stiftung Weiterbildungskurse Dübendorf (WBK). In den Learning Nuggets erklärt er Forschung zu Lernen, KI und digitaler Souveränität kurz und mit Quellen.

Text, Transkript und Video von Rico Eberle unter CC BY 4.0 (ohne Musik und Soundeffekte). Für den Unterricht frei verwendbar: Weiterverwenden und offene Daten.