Der Gemeinderat hat ein Postulat zur digitalen Souveränität überwiesen. Drei Erkenntnisse – und warum das mehr als eine IT-Frage ist.
Der Gemeinderat Dübendorf hat an der Sitzung vom 2. Februar ein Postulat zur digitalen Souveränität an den Stadtrat überwiesen. Ein wichtiger Schritt – aber was bedeutet das konkret für eine Stadt mit 30’000 Einwohner:innen?
Digitale Souveränität ist keine IT-Frage
Das ist die erste und wichtigste Erkenntnis. Es geht nicht darum, welche Software die Stadtverwaltung nutzt. Es geht um staatliche Handlungsfähigkeit: Kann Dübendorf eigenständig entscheiden, welche Systeme eingesetzt werden? Hat die Stadt Kontrolle über ihre eigenen Daten? Gibt es Exit-Optionen, wenn ein Anbieter die Bedingungen ändert oder seinen Dienst einstellt?
Abhängigkeiten entstehen nicht primär durch Technologie, sondern durch fehlende Governance. Wer die Verträge nicht kennt, wer keine Alternativen aufgebaut hat, wer Daten nicht portieren kann – der ist abhängig, egal wie gut die Software läuft.
Ein aktuelles Whitepaper von René Hauri liefert dazu ein praxisorientiertes Handlungsfeldmodell und zeigt: Die Frage nach digitaler Souveränität lässt sich nicht delegieren. Sie muss auf politischer Ebene gestellt und beantwortet werden.
Schrittweise statt radikal
Die zweite Erkenntnis: Keine Gemeinde muss über Nacht alle Systeme ersetzen. Das wäre weder sinnvoll noch finanzierbar. Entscheidend ist ein anderer Ansatz:
- Transparenz schaffen: Welche Systeme nutzen wir? Wo liegen unsere Daten? Welche Verträge binden uns?
- Bewusst entscheiden: Bei jeder Neuanschaffung die Frage nach Souveränität stellen – nicht erst dann, wenn der Vertrag bereits unterschrieben ist.
- Alternativen vorbereiten: Open-Source-Lösungen evaluieren, interkommunale Kooperationen aufbauen, Abhängigkeiten schrittweise reduzieren.
- Kooperieren: Kleinere Gemeinden können das nicht alleine. Verbünde, kantonale Koordination und interkommunale Lösungen sind der richtige Weg.
Als GRPK-Mitglied ist mir wichtig: Wenn Dübendorf in digitale Infrastruktur investiert, müssen diese Investitionen langfristig wirken – und nicht in Lock-in-Situationen führen, die wir in zehn Jahren teuer bezahlen.
Die Bevölkerung erwartet Transparenz
Drittens: Das ist kein Randthema für Technik-Begeisterte. Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung klare Erwartungen an die digitale Eigenständigkeit ihrer Verwaltungen hat. Menschen wollen wissen, wo ihre Daten liegen – besonders wenn es um kommunale Dienstleistungen geht.
Das Postulat, das der Gemeinderat nun überwiesen hat, ist ein erster Schritt. Der Stadtrat muss jetzt konkrete Antworten liefern: Wo steht Dübendorf heute? Welche Abhängigkeiten bestehen? Und welche Massnahmen plant die Stadtpolitik?
Ich werde diese Antworten einfordern – und darauf achten, dass aus dem Postulat kein Papiertiger wird.
Das Whitepaper von René Hauri ist unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA verfügbar. Wer sich vertieft mit dem Thema befassen möchte, findet dort ein Handlungsfeldmodell, das auch für andere Schweizer Gemeinden nutzbar ist.